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September 2024, Werkstattbrief Nr. 3:
Jubiläum 20 Jahre Kunstwerkstatt
Liebe Leserin, lieber Leser
Am 24. August 2024 feierte die Kunstwerkstatt ihr 20-jähriges Bestehen. Auf Wunsch der
Kunstschaffenden hatte das Jubiläum internen Charakter. Eingeladen waren die
Kunstschaffenden, die Atelierbetreuerinnen und der Vorstand. Den Anlass überdauern
werden ein Gesamkunstwerk an der Aussenwand des Ateliers. Kunstschaffende haben
Bildtafeln bemalt. Ausserdem wird die Figur auf dem Vorplatz neu gestaltet. Den Anlass
organisierte und betreute Vorstandsmitglied Ruedi Franz mit Unterstützung von Lisa
Warszawski, Claudia Blacha und Evelyne l'Epplatenier.
In diesem Werkstattbrief informiert Otto Frick über die
Geschichte der Kunstwerkstatt. Susanne Badini beschreibt ihre Jahre als Leiterin des Atelierbetriebs.
Dorota Solarska
berichtet über ihre Erfahrungen als Kunstschaffende. Am Schluss zeigen wir die neue
Gestaltung der
Atelierfassade und Vorplatz-Figur.
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Geschichte
Otto Frick gründete, förderte, sammelte
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Möglich, dass Otto Frick das nicht gerne liest. Er nennt sich bescheiden Malermeister. Aber
er ist wohl der engagierteste Förderer der Art Brut im Umfeld der Klinik.. 1978 kam der
gebürtige Vorarlberger an die Waldau. Nach einem Vierteljahrhundert Aufbauarbeit gründete
er 2003 die Kunstwerkstatt und half 2004, dem Atelier mit einem Trägerverein eine
Organisationsform zu geben.
Unter den ersten Mitgliedern waren auch etablierte Kunsttherapeuten, die einen
strukturierten Betrieb vorschlugen. So wollten sie etwa Kurse für Aquarellieren oder
Oelmalerei anbieten. Otto Frick sah dies anders: „Das war nicht in meinem Sinn. Sowas
hatten sie in der Klinik. Hier sollten sie ihre individuelle Kreativität frei
ausleben.“
Mit den ersten Mitgliederbeiträgen kaufte der Verein Farben, Pinsel und Maluntergründe. Die
„Freimitglieder“, die Kunstschaffenden bezahlten damals keine Beiträge und durften mit dem
Malmaterial ihrer Kreativität freien Lauf lassen. „Hier sind wir nicht krank“, beschrieben
einige ihr Gefühl in den Atelierräumen.
Auftrieb und Popularität erhielt die Kunstwerkstatt durch den Film „Halleluja der Herr ist
verrückt“, ein Projekt, das der Filmemacher Alfredo Knuchel ungefähr gleichzeitig mit der
Gründung der Kunstwerkstatt realisierte. Knuchel porträtierte sechs Kunstschaffende in der
Klinik. 2003 zeigte er sein Werk an den Solothurner Filmtagen. Später kam „Halleluja…“ in
allen grösseren Schweizer Städten in die Kinos und dann ins Fernsehen.
Neben schönen Erlebnissen gab es in der Frühzeit auch Belastendes zu verdauen. Gleichzeitig
zum Filmstart organisierte der Verein eine Ausstellung in einer Berner Galerie. Die
Vernissage fand im Anschluss an die Filmpremiere statt. Der Andrangc sei riesig und der
Verkauf sehr gut gewesen, erinnert sich Otto Frick. „Doch der Galerist ging kurze Zeit
später in Konkurs und hinterliess einen Schuldenberg. Noch heute warten einige
Kunstschaffende auf einen Teil des Verkaufserlöses.“
„Einige Klinikmitarbeiter prophezeiten dem Verein kein langes Leben,“ erzählt
Otto Frick. Doch die Werkstatt hielt durch und bereits 2009 erschien als erstes Buch „Fünf
Jahre Kunstwerkstatt“. Die Dokumentation ermöglichte einen Einblick über das Werk von 20
Künstlerinnen und Künstlern. Als schwierige Aufgabe erwies sich das Titelbild. Dieses
sollte die Künstlergruppe vor der Werkstatt als Gruppe zeigen. Die einen kamen zu spät,
andere wollten bereits wieder gehen und einzelne verweigerten sich der Aufnahme. Drei
Künstler mussten auf dem Titelbild dazu kopiert werden.
Frick erwähnt auch trübere Ereignisse. Dass auch mal Drogen und Alkohol den Betrieb gestört
hätten, erinnert er sich. Insgesamt aber, zieht der Mann der ersten Stunde und langjährige
Förderer eine positive Bilanz. „Die schönen Erlebnisse überwogen bei weitem.“
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Atelierbetrieb
Susanne Badini leitete, organisierte, motivierte
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Susanne Badini leitete in den letzten vier Jahren den Atelierbetrieb mit aktuell elf
Betreuerinnen. Sie startete im Coronajahr 2020. "Bis im Februar 2022 mussten wir die
Corona-Massnahmen immer wieder anpassen und haben im Laufe dieser Zeit acht
Schutzkonzepte erstellt", erinnert sie sich. Einschneidend waren nebst der Maskenpflicht,
dass nur eine begrenzte Anzahl von Personen im Atelier anwesend sein durften,. "Deshalb
mussten wir Gruppen bilden. Eine Zeitlang durften nur Personen mit einem
Covid-Zertifikat ins Atelier".
In der Kunstwerkstatt Waldau existieren zwei Richtungen, die sich zwar nicht gegeneinander
bewegen oder sich konkurrenzieren, aber doch verschiedene Ziele haben, Es gibt erstens
Kunstschaffende, die gerne ausstellen, sich teilweise auch am Markt und dessen Preisen
orientieren. Die zweite Gruppe will ungestört individuell an einem Ort arbeiten, wo
sich die Teilnehmenden wohl fühlen.
Gemäss Susanne Badini orientieren sich die meisten Betreuerinnen vor allem am gemeinsamen
Schaffen. Sie selber sieht sich im Zwiespalt. Es sei zwar gut, wenn Ausstellungen
zustandekommen, so Badini, der eigentliche Zweck der Werkstatt sei aber, den
Kunstschaffenden freie Bahn für ihre Kreativität zu bieten. Hin und wieder gebe es bei
Ausstellungen auch Konflikte. „Wenn der Verein Kunstschaffenden sagen muss, dass ihre
Werke nicht ausgewählt wurden, enttäuscht das die Betroffenen."
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Kunstschaffende
Dora Solarska malt, experimentiert und kämpft für
Beeinträchtigte
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Ein bisschen sieht man Dorota Solarska die Künstlerin an: das Nasenpiercing, die bunte
Brille, die Kurzhaarfrisur. „Sag Dora zu mir", begrüsst sie mich in gutem Deutsch mit
polnischem Akzent. „Dora ist kürzer, die meisten nennen mich so".
Dora fühlt sich in der Kunstwerkstatt glücklich - sie arbeitet da seit 2019. Sie habe hier
viele Freundschaften geschlossen und arbeite ohne Konkurrenzdruck, sagt sie. In der
Werkstatt würden alle akzeptiert. „Wir haben hier viele Möglichkeiten und erhalten alles
Material unentgeltlich", erklärt sie. Für sie mit ihren bescheidenen finanziellen
Möglichkeiten sei das sehr wichtig. "Die regelmässigen Ausstellungen bieten die Chance,
durch unsere Kunst mit Leuten in Kontakt zu treten."
Dora Solarska würde es begrüssen, wenn die freiwillig Mitarbeitenden mehr über
psychische Einschränkungen wissen würden. "Neben unseren Talenten haben wir auch
Bedürfnisse. Wir hätten unter anderem gerne mehr Transparenz und klarere
Kommunikation."
Jeder Mensch kann eine psychische Krise haben. Die Psychiatrie weiss noch nicht genau,
warum manche krank werden und andere nicht. Dorata Solarska: "Ich war in Polen Psychologin
und habe in diesem Beruf zehn Jahre erfolgreich gearbeitet. Ich habe nie gedacht, dass ich
selbst krank werde."
Vor zehn Jahren ist bei ihr eine schizoaffektive Störung diagnostiziert worden - eine
Mischung aus bipolarer Störung und Schizophrenie. Dadurch erlebt sie extreme
Stimmungsschwankungen zwischen depressiven und manischen Phasen. Jeweils nach ungefähr
sechs Wochen bricht ihre Stabilität zusammen. Einmal im Jahr braucht sie Hilfe in einer
Klinik.
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Die neue Fassade ist nicht nur Fassade.
Da steckt was dahinter
Ueber 20 Kunstschaffende haben je eine bis zwei Tafeln im Format 60 x 60 cm bemalt.
Diese wurden kurz vor dem Jubiläumsanlass vom 24. August an der Front der
Kunstwerkstatt montiert. Ausserdem bekam die Figur vor dem Eingang einen weissen
Anstrich - bereit für neue Gestaltungen.
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▲ Die ersten 26 Bildtafeln wurden im oberen Teil der Fassade montiert, 3
folgen noch später.
▼ Die Figur: Links vor dem Jubiläum. In der Mitte während dem Anlass. Rechts nach der
Veranstaltung. Bereits sind einige Pinselstriche auf dem Gemeinschaftswerk zu erkennen.
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1 Die Kamera und das
Weinglas. Beides gehört Ruedi Franz, dem Fotografen und Organisator des
Anlasses. 2 Kunstschaffende Sonia
Straub. Sie zeigt das Buch mit Bildern, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen zum
Jubiläum geschaffen haben. 3 Die Pfanne mit
Safran-Sauce. Sie gehört dem Catering-Unternehmenn "Pasta Bar Wabern". 4 Der Koch eben
dieser Firma. 5 Der Gründer der
Kunstwerkstatt Otto Frick. 6 Der Vereinspräsident
der Werkstatt Carlo Imboden. 7 Das Bild gemalt von der
Kunstschaffenden Rebecca Schmid. 8 Kunstschaffender Martin
Flückiger. 9 Kunstschaffende
Madeleine Mollet.
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