Kunstwerkstatt Waldau, Bolligenstrasse 123 b, 3001 Bern, l 0041 31 930 99 32 l www.kunstwerkstattwaldau.ch
September 2024, Werkstattbrief Nr. 3:
 
Jubiläum 20 Jahre Kunstwerkstatt

Liebe Leserin, lieber Leser

Am 24. August 2024 feierte die Kunstwerkstatt ihr 20-jähriges Bestehen. Auf Wunsch der Kunstschaffenden hatte das Jubiläum internen Charakter. Eingeladen waren die Kunstschaffenden, die Atelierbetreuerinnen und der Vorstand. Den Anlass überdauern werden ein  Gesamkunstwerk an der Aussenwand des Ateliers. Kunstschaffende haben Bildtafeln bemalt. Ausserdem wird die Figur auf dem Vorplatz neu gestaltet. Den Anlass organisierte und betreute Vorstandsmitglied Ruedi Franz mit Unterstützung von Lisa Warszawski, Claudia Blacha und Evelyne l'Epplatenier.

In diesem Werkstattbrief  informiert Otto Frick über die Geschichte der Kunstwerkstatt. Susanne Badini beschreibt ihre Jahre als Leiterin des Atelierbetriebs. Dorota Solarska berichtet über ihre Erfahrungen als Kunstschaffende. Am Schluss zeigen wir die neue Gestaltung der Atelierfassade und Vorplatz-Figur.
 
 
Geschichte
Otto Frick gründete, förderte, sammelte
Möglich, dass Otto Frick das nicht gerne liest. Er nennt sich bescheiden Malermeister. Aber er ist wohl der engagierteste Förderer der Art Brut im Umfeld der Klinik.. 1978 kam der gebürtige Vorarlberger an die Waldau. Nach einem Vierteljahrhundert Aufbauarbeit gründete er 2003 die Kunstwerkstatt und half 2004, dem Atelier mit einem Trägerverein eine Organisationsform zu geben.

Unter den ersten Mitgliedern waren auch etablierte Kunsttherapeuten, die einen strukturierten Betrieb vorschlugen. So wollten sie etwa Kurse für Aquarellieren oder Oelmalerei anbieten. Otto Frick sah dies anders: „Das war nicht in meinem Sinn. Sowas hatten sie in der Klinik. Hier sollten sie ihre individuelle Kreativität frei ausleben.“

Mit den ersten Mitgliederbeiträgen kaufte der Verein Farben, Pinsel und Maluntergründe. Die „Freimitglieder“, die Kunstschaffenden bezahlten damals keine Beiträge und durften mit dem Malmaterial ihrer Kreativität freien Lauf lassen. „Hier sind wir nicht krank“, beschrieben einige ihr Gefühl in den Atelierräumen.

Auftrieb und Popularität erhielt die Kunstwerkstatt durch den Film „Halleluja der Herr ist verrückt“, ein Projekt, das der Filmemacher Alfredo Knuchel ungefähr gleichzeitig mit der Gründung der Kunstwerkstatt realisierte. Knuchel porträtierte sechs Kunstschaffende in der Klinik. 2003 zeigte er sein Werk an den Solothurner Filmtagen. Später kam „Halleluja…“ in allen grösseren Schweizer Städten in die Kinos und dann ins Fernsehen.

Neben schönen Erlebnissen gab es in der Frühzeit auch Belastendes zu verdauen. Gleichzeitig zum Filmstart organisierte der Verein eine Ausstellung in einer Berner Galerie. Die Vernissage fand im Anschluss an die Filmpremiere statt. Der Andrangc sei riesig und der Verkauf sehr gut gewesen, erinnert sich Otto Frick. „Doch der Galerist ging kurze Zeit später in Konkurs und hinterliess einen Schuldenberg. Noch heute warten einige Kunstschaffende auf einen Teil des  Verkaufserlöses.“

„Einige Klinikmitarbeiter  prophezeiten dem Verein kein langes Leben,“ erzählt  Otto Frick. Doch die Werkstatt hielt durch und bereits 2009 erschien als erstes Buch „Fünf Jahre Kunstwerkstatt“. Die Dokumentation ermöglichte einen Einblick über das Werk von 20 Künstlerinnen und Künstlern. Als  schwierige Aufgabe erwies sich das Titelbild. Dieses sollte die Künstlergruppe vor der Werkstatt als Gruppe zeigen. Die einen kamen zu spät, andere wollten bereits wieder gehen und einzelne verweigerten sich der Aufnahme. Drei Künstler mussten auf dem Titelbild dazu kopiert werden.

Frick erwähnt auch trübere Ereignisse. Dass auch mal Drogen und Alkohol den Betrieb gestört hätten, erinnert er sich. Insgesamt aber, zieht der Mann der ersten Stunde und langjährige Förderer eine positive Bilanz. „Die schönen Erlebnisse überwogen bei weitem.“
 
 
Atelierbetrieb
Susanne Badini leitete, organisierte, motivierte
Susanne Badini leitete in den letzten vier Jahren den Atelierbetrieb mit aktuell elf Betreuerinnen. Sie startete im Coronajahr 2020. "Bis im Februar 2022  mussten wir die Corona-Massnahmen immer wieder anpassen und haben im Laufe dieser Zeit acht  Schutzkonzepte erstellt", erinnert sie sich. Einschneidend waren nebst der Maskenpflicht, dass nur eine begrenzte Anzahl von Personen im Atelier anwesend sein durften,. "Deshalb mussten wir Gruppen bilden. Eine Zeitlang durften nur Personen mit  einem Covid-Zertifikat ins Atelier".

In der Kunstwerkstatt Waldau existieren zwei Richtungen, die sich zwar nicht gegeneinander bewegen oder sich konkurrenzieren, aber doch verschiedene Ziele haben, Es gibt erstens Kunstschaffende, die gerne ausstellen, sich teilweise auch am Markt und dessen Preisen orientieren. Die zweite Gruppe will ungestört individuell  an einem Ort arbeiten, wo sich die Teilnehmenden wohl fühlen.

Gemäss Susanne Badini orientieren sich die meisten Betreuerinnen vor allem am gemeinsamen Schaffen. Sie selber sieht sich im Zwiespalt. Es sei zwar gut, wenn Ausstellungen zustandekommen, so Badini, der eigentliche Zweck der Werkstatt sei aber, den Kunstschaffenden freie Bahn für ihre Kreativität zu bieten. Hin und wieder gebe es bei Ausstellungen auch Konflikte. „Wenn der Verein Kunstschaffenden sagen muss, dass ihre Werke nicht ausgewählt wurden, enttäuscht das die Betroffenen."
 
 
Kunstschaffende
Dora Solarska malt, experimentiert und kämpft für Beeinträchtigte
Ein bisschen sieht man Dorota Solarska die Künstlerin an: das Nasenpiercing, die bunte Brille, die Kurzhaarfrisur. „Sag Dora zu mir", begrüsst sie mich in gutem Deutsch mit polnischem Akzent. „Dora ist kürzer, die meisten nennen mich so".

Dora fühlt sich in der Kunstwerkstatt glücklich - sie arbeitet da seit 2019. Sie habe hier viele Freundschaften geschlossen und arbeite ohne Konkurrenzdruck, sagt sie. In der Werkstatt würden alle akzeptiert. „Wir haben hier viele Möglichkeiten und erhalten alles Material unentgeltlich", erklärt sie. Für sie mit ihren bescheidenen finanziellen Möglichkeiten sei das sehr wichtig. "Die regelmässigen Ausstellungen bieten die Chance, durch unsere Kunst mit Leuten in Kontakt zu treten."

Dora Solarska würde es begrüssen, wenn  die freiwillig Mitarbeitenden mehr über psychische Einschränkungen wissen würden. "Neben unseren Talenten haben wir auch Bedürfnisse. Wir hätten unter anderem gerne mehr Transparenz und klarere Kommunikation."

Jeder Mensch kann eine psychische Krise haben. Die Psychiatrie weiss noch nicht genau, warum manche krank werden und andere nicht. Dorata Solarska: "Ich war in Polen Psychologin und habe in diesem Beruf zehn Jahre erfolgreich gearbeitet. Ich habe nie gedacht, dass ich selbst krank werde."

Vor zehn Jahren ist bei ihr eine schizoaffektive Störung diagnostiziert worden - eine Mischung aus bipolarer Störung und Schizophrenie. Dadurch erlebt sie extreme Stimmungsschwankungen zwischen depressiven und manischen Phasen. Jeweils nach ungefähr sechs Wochen bricht ihre Stabilität zusammen. Einmal im Jahr braucht sie Hilfe in einer Klinik.
 
 
Die neue Fassade ist nicht nur Fassade.
Da steckt was dahinter

Ueber 20 Kunstschaffende haben je eine bis zwei Tafeln im Format 60 x 60 cm bemalt. Diese wurden kurz vor dem Jubiläumsanlass vom 24. August an der Front der Kunstwerkstatt montiert. Ausserdem bekam die Figur vor dem Eingang einen weissen Anstrich - bereit für neue Gestaltungen.
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Die ersten 26 Bildtafeln wurden im oberen Teil der Fassade montiert, 3 folgen noch später.
Die Figur: Links vor dem Jubiläum. In der Mitte während dem Anlass. Rechts nach der Veranstaltung. Bereits sind einige Pinselstriche auf dem Gemeinschaftswerk zu erkennen.
 1  Die Kamera und das Weinglas. Beides gehört Ruedi Franz, dem Fotografen und Organisator des Anlasses.  2  Kunstschaffende Sonia Straub. Sie zeigt das Buch mit Bildern, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen zum Jubiläum geschaffen haben.  3  Die Pfanne mit Safran-Sauce. Sie gehört dem Catering-Unternehmenn "Pasta Bar Wabern".  4   Der Koch eben dieser Firma.  5  Der Gründer der Kunstwerkstatt Otto Frick.  6  Der Vereinspräsident der Werkstatt Carlo Imboden.  7  Das Bild gemalt von der Kunstschaffenden Rebecca Schmid.  8  Kunstschaffender Martin Flückiger.  9  Kunstschaffende Madeleine Mollet.